Statement des Beauftragten der Evangelischen Kirchen in Rheinland-Pfalz

Statement des Beauftragten der Evangelischen Kirchen in Rheinland-Pfalz anlässlich der Vorstellung des Bündnisses gegen funktionalen Analphabetismus am 21.05.2013 in der Agentur für Arbeit, Mainz

Im Namen der Evangelischen Kirchen im Lande Rheinland-Pfalz danke ich dem Land Rheinland-Pfalz und namentlich dem Bildungsministerium und Frau Staatsministerin Ahnen sehr herzlich für ihr Engagement bei der Initiative für Alphabetisierung und Grundbildung und dafür, dass Sie viele Akteure in einem Netzwerk zusammen bringen. Ich möchte ganz am Anfang meines Statements mit einem Beispiel ein wesentliches Motiv unserer Beteiligung deutlich machen: Wir wollen, dass die Mutter, die aus welchen Gründen auch immer nie richtig lesen und schreiben gelernt hat, ihrer erwachsenen Tochter oder ihrem Sohn einen Geburtstagsgruß schicken kann und dass sie sich auf dem Amt nicht mehr schämen muss, weil sie nicht unterschreiben und die Formulare nicht selbst lesen kann. Das ist jenseits des wichtigen Themas der Arbeits- und Berufswelt ein starkes Motiv sich daran zu beteiligen, dass Menschen den aufrechten Gang lernen, sich nicht schämen müssen und soziale Beziehungen in der Weise pflegen können, wie es in unserer schriftgeprägten Kultur üblich ist.

Die Evangelischen Kirchen beteiligen sich sehr gerne – vor allem über die ELAG (Evangelische Landesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung, http://www.elag.de/) an dieser Initiative vor dem Hintergrund, dass die evangelischen Fachstellen und Einrichtungen für Erwachsenenbildung wie auch die Diakonie bereits vor 20 Jahren damit begonnen haben, überwiegend durch Sprach- und Orientierungskurse, aber auch durch Alphabetisierungskurse für Migrantinnen und Migranten Grundvoraussetzungen zu bieten, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Seit 2008 bietet die Evangelische Erwachsenenbildung verstärkt auch Kurse im Bereich der Grundbildung Deutschsprachiger an, von denen, wie wir seit der Veröffentlichung der erschreckenden Zahlen der LEO-Studie wissen, 7,5 Millionen, d.h. ein durchaus erheblicher Teil der erwerbsfähigen Bevölkerung, nur unzulänglich lesen und schrei-ben können.

Wir tun dies als Evangelische Kirche und Diakonie in der Linie unserer Tradition mit einem doppelten Motiv: „Bildung für alle!“ war ein zentrales Motiv der Reformation, an die wir in diesen Jahren erinnern (2017 feiern wir 500 Jahre Reformation). Die damals „Obrigkeit“ genannten Regierungen wurden von den Reformatoren aufgefordert, Schulen für alle einzurichten. Gleichzeitig ist Bildung für alle ein wesentlicher Baustein für soziale Gerechtigkeit, für die wir uns einsetzen. Lesen und Schreiben zu können ist nicht nur eine wichtige Voraussetzung für den Einstieg in die Berufs- und Arbeitswelt, sondern gehört zur Teilhabe im alltäglichen Leben in unserer Gesellschaft.

Deshalb suchen wir den niederschwelligen Kontakt zu Menschen, die mit diesem Problem zu kämpfen haben, es aber aus Scham oftmals nicht thematisieren: Etwa im Kontext der Tafelarbeit oder in unseren rund 430 Kindertagesstätten, die einerseits selbst zu elementarer Bildung wesentlich beitragen, wo wir aber auch Kontakt zu Eltern finden, die von der Problematik betroffen sind. Für die Einzelbetreuung Betroffener qualifizieren wir Ehrenamtliche.

Der Aufbau regionaler Netzwerke unterschiedlicher Akteure kann tatsächlich als einer der wichtigsten Schritte gelten, um Betroffene zu erkennen, mit der gebotenen Sensibilität anzusprechen und passgenaue Angebote für die verschiedenen Zielgruppen zu entwickeln. Vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen in diesen Projekten zeigt die heutige Vorstellung der landesweiten Initiative zur Alphabetisierung und Grundbildung ihre wichtige politische Bedeutung! Wir wünschen dem Projekt eine gute Zukunft!