AlBi-Projekt gestartet

07. Februar 2009

Alphabetisierungs- und Grundbildung für Deutsche und für Menschen mit Migrationshintergrund

Ortsschild IntegrationNach langer Vorlaufzeit ist im September 2008 das Verbundprojekt AlBi (Alphabetisierung und Grundbildung) gestartet. Acht anerkannte Weiterbildungsträger in Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland und die Universitäten Mainz und Kaiserslautern arbeiten in dem Projekt zusammen. Die kooperiert bei dem Projekt mit ihren Partnerorganisationen in Hessen und im Saarland.

Das Projekt hat zum Ziel, neue Angebote und Qualifizierungsmöglichkeiten im Bereich Alphabetisierung und Grundbildung zu entwickeln und zu erproben. Über einen Zeitraum von drei Jahren soll geforscht und getestet werden, welche Art Grundbildung die Zielgruppe besser erreichen kann.

Dass es Bedarf gibt, steht spätestens seit der IALS-Studie (International Adult Literacy Survey) von 1994 fest. Die Studie belegt, dass 14,4% der Erwachsenen über 15 Jahre in Deutschland, also ca. 7,7 Millionen Menschen, lediglich das niedrigste Niveau der Lesekompetenz erreichen. Diese in der evangelischen Erwachsenenbildung mehr in den Blick zu bekommen ist eines der langfristigen Ziele der bei dem Projekt.

Alphabetisierungs- und Grundbildungskurse für Migrantinnen und Migranten führen einige -Mitgliedsorganisationen schon längere Zeit durch. Erfahrungen aus dieser Arbeit sollen im Rahmen des Projekts erweitert und auch anderen nutzbar gemacht werden.

Im Bereich Grundbildung für Deutsche macht die Evangelische Erwachsenenbildung bisher noch keine Angebote. Die Ursache hierfür ist vermutlich, dass diese Zielgruppe nur schwer zu erreichen, aber auch, dass sie nicht öffentlich sichtbar ist.

Menschen, die sich als Kinder und Jugendliche nicht ausreichend Kenntnisse aneignen konnten, um den Alltag ohne fremde Hilfe zu bewältigen (Grundbildung bedeutet z.B. auch ausreichend Kenntnisse im Rechnen), schämen sich meist. Sie versuchen, mit allen Mitteln, ihr Problem zu verbergen. Herkömmliche Teilnehmerwerbung greift jedoch meist auf Schriftliches zurück, so dass die Menschen, die Probleme mit dem Lesen haben, nicht erreicht werden. Ideenreichtum, Engagement und der Aufbau von Vertrauen sind nötig, um diese Zielgruppe zu erreichen.

Ein Beispiel aus der Praxis:
Herr S. ist 50 Jahre alt, Deutscher und Witwer mit zwei Kindern im Alter von acht und zwölf Jahren. Er lebt in Rheinland-Pfalz in einem kleineren Ort auf dem Land. Herr S. wuchs mit vier Geschwistern auf. Die Eltern hatten viel in der Landwirtschaft zu tun und keine Zeit, sich um die Schulschwierigkeiten des Sohnes zu kümmern. Herr S. musste in der Grundschule drei Mal eine Klasse wiederholen und kam nie auf eine weiterführende Schule. Auch der Vater von Herrn S. konnte schon nicht richtig lesen und schreiben.

Nach der Schule fand Herr S. trotz fehlendem Abschluss eine Lehrstelle. Im Betrieb und auch in der Berufsschule wusste niemand von seinem Problem, so dass er auch keine besondere Förderung bekam und die Prüfung nicht bestand. Er arbeitete trotzdem weiter in dem Betrieb, bis dieser geschlossen wurde. Nach zwei Monaten Arbeitslosigkeit fand er aus eigenen Kräften eine andere Arbeitsstelle.

Vor ein paar Jahren wurde er mit Kollegen zu einem Lehrgang geschickt. Erst am Schluss vertraute er sich dem Dozenten an und erklärte sein Problem. Der meinte, das hätte er doch gleich am Anfang sagen sollen. Die Hemmungen vor seinen Arbeitskollegen waren aber zu groß.

Vor zwölf Jahren, bei der Geburt des ersten Kindes, machte Herr S. einen neuen Anlauf, Lesen und Schreiben zu lernen. Einen 30 Kilometer langen Fahrweg nahm er dafür in Kauf, denn in Wohnortnähe gab es kein Angebot.

Inzwischen wissen seine Kinder, dass er Probleme mit dem Lesen und Schreiben hat. Entschuldigungen muss die Ältere selbst schreiben, Briefe liest sie ihm vor. Er versucht, seine Kinder zum Lernen anzuhalten, ermuntert sie, sich gegenseitig vorzulesen. Herr S. möchte nicht, dass jemand in seinem Dorf oder bei der Arbeit von seinem Problem erfährt. Er hat Angst, seine Kinder könnten gehänselt werden.

Herr S. hat es geschafft, einen neuen Anfang im Lernen zu machen. Er hat ein für ihn passendes Angebot, allerdings weit entfernt, gefunden. Damit dieser Schritt für mehr Menschen möglich wird, will das AlBi-Projekt Akteure in der Grundbildung von Erwachsenen mit und ohne Migrationshintergrund unterstützen, Schlüsselpersonen für das Problem sensibilisieren, neue Angebote entwickeln und erproben und Unterrichtende fortbilden.

Informationen zu dem Projekt erhalten Sie bei Frau Susanne Syren unter dieser E-Mailadresse: susanne.syren@elag.de.

Bildquellen: moonrun/fotolia.de und albi-projekt.de